Wer war diese Edith Stein, der wir den Namen unserer Großpfarrei verdanken? Schwester Karola von den Dominikanerinnen des Klosters St. Magdalena und Geschäftsführerin der Edith-Stein-Gesellschaft Deutschlands erzählte uns begeistert aus dem Leben von Edith Stein, die auch 8 Jahre als Lehrerin hier in Speyer gelebt und unterrichtet hatte.
In einem Seitengang der Kirche dokumentierten viele Fotos Edith Steins Lebenslauf von Breslau bis Auschwitz. 1891 in Breslau geboren, wächst Edith Stein als jüngstes von 11 Kindern auf, die Eltern sind strenggläubige Juden, ihr Vater verstirbt früh. Sie darf als sehr gute Schülerin das Gymnasium besuchen. Mit 14 bricht die lebenslustige Edith jedoch die Schule ab und geht nach Hamburg um ihre älteste Schwester mit ihren Kindern zu unterstützen. Später sagt sie, dass sie dort das Beten bewusst abgelegt habe, weder Schwester noch Schwager lebten ihren jüdischen Glauben. Nach 10 Monaten wieder zurück in Breslau, holt sie das Schuljahr nach, macht ein herausragendes Abitur und beginnt Deutsch und Geschichte, Philosophie und Psychologie zu studieren. Sie studiert bei Prof. Edmund Husserl, der als Philosoph die Richtung der „Phänomenologie" vertritt. Das heißt: Der Mensch soll vorurteilsfrei sein gegenüber allem, was ist.* Adolf Reinach, ein Assistent Husserls und seine Frau Anne, eine jüdische Konvertitin, werden ihr in diesen Jahren zu besten Freunden. Als Reinach im 1. Weltkrieg stirbt, weiß Edith nicht, wie sie Anne trösten soll. Überrascht stellt sie fest, dass Anne keinen Trost von ihr braucht, sie fühlt sich durch ihren Glauben getröstet.
Prof. Husserl geht nach Freiburg, Edith Stein folgt ihm und wird Assistentin bei ihm. Bei einem Besuch in Bad Bergzabern bei Hewig Conrad-Martius, einer Schülerin Husserls, liest Edith das Buch „Leben der Hl. Therese von Avila, von ihr selbst erzählt." Dieses Buch hat ihrem langen Suchen nach dem wahren Glauben ein Ende gemacht, sagt sie später. Sie lässt sich 1921 in Bad Bergzabern katholisch taufen. Für ihre strenggläubige jüdische Mutter ist die Taufe ein sehr großer Schock.
Edith Stein arbeitet in den nächsten 8 Jahren in Speyer bei den Dominikanerinnen des Klosters St. Magdalena als Lehrerin für Deutsch und Geschichte, ist in der Lehrerinnenausbildung tätig und arbeitet auch wissenschaftlich, vor allem in Kontakt mit der Erzabtei Beuron, wo sie zur weiblichen Stimme Beurons wird. An der Schule ist das „Fräulein Doktor" sehr beliebt, sie nimmt am Klosterleben aktiv teil und fällt auf durch ihre Hingabe im Gebet. Gläubige kommen wegen ihr in die Kirche und so bittet Edith um einen Gebetsstuhl, der etwas abseits aufgestellt werden kann. Dieser steht heute noch gut erhalten in der Kirche.
1931 verlässt Edith Stein Speyer wieder, weil sie immer noch hofft, eines Tages als Wissenschaftlerin an einer Universität lehren zu dürfen, aber die Machtübernahme der NSDAP 1933 macht diese Hoffnung endgültig zunichte. Sie darf als ehemalige Jüdin nicht lehren.
1934 entschließt sie sich für einen anderen Lebensweg. Sie tritt in Köln in den Karmelitenorden „Maria vom Frieden" ein und erhält den Ordensnamen Theresa Benedicta vom Kreuz. Dort erfährt sie, dass auch im Orden das Leben nicht immer harmonisch ist (Hauswirtschaft ist nicht ihre Stärke!). Sie arbeitet in den nächsten Jahren vor allem als geistliche Autorin. Als in Deutschland die Situation für Juden und Menschen, die Kontakt zu Juden haben, immer schwieriger wird, bittet Edith Stein um eine Versetzung in die Niederlande um den Kölner Karmel zu schützen. Sie wird 1938 in das Kloster Echt in den Niederlanden verlegt, zusammen mit ihrer Schwester Rosa, die mittlerweile auch Christin geworden ist. Dort arbeitet sie wissenschaftlich weiter. Zwei Jahre später besetzen deutsche Truppen auch die Niederlande. Als 1942 von den Bischöfen Hollands ein Hirtenbrief verfasst wird gegen die Judenverfolgung, nehmen dies die Nationalsozialisten zum Anlass, holländische Katholiken jüdischer Herkunft zu verhaften. Im Rahmen dieser Säuberungsaktion werden auch Edith Stein und ihre Schwester am 2.8.1942 verhaftet und zusammen mit 300 anderen jüdisch-stämmigen Personen nach Auschwitz – Birkenau transportiert. Sie kümmert sich auf dieser Fahrt besonders um verwahrloste Kinder und anders als damals als 14-jährige schreibt sie jetzt „Konnte herrlich beten". Auf dem Weg nach Auschwitz fährt sie auch durch Breslau, wo sie erkannt wird und letzte Grüße an die Familie schicken kann. Edith Stein und ihre Schwester Rosa werden am 9.8.1942 in Auschwitz-Birkenau ermordet.
Ungewöhnlich ist, dass Edith Stein/Sr. Theresa Benedicta vom Kreuz bereits 1987 seliggesprochen wird, damals noch gegen den Widerstand vieler jüdischer Gemeinden, die der Meinung waren, dass der Mord an den Juden nicht durch die Seligsprechung einer einzelnen Person wiedergutgemacht werden könne. An ihrer Heiligsprechung 1998 nahmen jedoch auch die Vertreter der jüdischen Gemeinden teil. 1999 wird Edith Stein zur Patronin Europas erhoben.
Es war für uns alle spürbar, wie sehr es Sr. Karola eine Herzensangelegenheit war, uns die Bedeutung von Edith Stein, der als Jüdin geborenen Frau – Lehrerin, Philosophin und herausragenden Wissenschaftlerin im Berufsleben – und zum katholischen Glauben konvertierten und ins Kloster der Karmelitinnen eingetretenen Ordensfrau Theresa Benedicta vom Kreuz zu vermitteln!
Nach der Führung zeigte uns Sr. Karola das Zimmer, in dem Edith Stein in Speyer gelebt hat, das heute einlädt zur Besinnung. Eine Menora, die Taufkerze und ein großes Kreuz, sowie Erde aus Auschwitz verweisen auf den Lebenslauf Edith Steins, ergänzt durch wichtige Glaubensgedanken Edith Steins und einem Bild von dem amerikanischen Mädchen Teresia Benedicta Mc Carthy, deren Heilung anlässlich der Heiligsprechung Edith Steins als Wunder anerkannt worden war.
Bei strahlendem Wetter spazierten wir noch zum Rhein hinunter und ließen den interessanten Nachmittag in einer Gastwirtschaft ausklingen. Vor allem die Art, wie Sr. Karola von Edith Stein erzählt hat, wird uns in sehr guter Erinnerung bleiben!
* Phänomenologie ist eine bestimmte Art des Philosophierens: Alles, was man bisher über eine Sache weiß, wird zurückgeschoben und man fängt wieder neu zu fragen an.
So hat sich Edith Stein mit Hilfe dieser Methode zum Beispiel gefragt:
Was ist „das Wesen der Menschen"?
Was ist „Ich glaube"?
Was ist „Ich glaube an"?
Was ist „Ich glaube an den dreifaltigen Gott"?
Was meine ich mit „Ich"? …